Hörbasierte Lebensqualität, Kommunikationsfähigkeit und -wahrnehmung

Partnerinterviews und Copingstrategien

Eine Hörstörung führt zu einer Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit, woraus eine vermehrte Höranstrengung sowie Missverständnisse und in der Folge Rückzug und Resignation resultieren können. Diese negativen Auswirkungen betreffen auch das soziale Umfeld der schwerhörenden Personen. Um das Kommunikationsgeschehen zu verändern, können Kommunikationsstrategien als spezifische Copingstrategien angewendet werden. In teilstandardisierten Interviews mit 30 Paaren (jeweils ein Partner mit Hörstörung) wurde untersucht, welche Copingstrategien im Höralltag evasiv oder invasiv genutzt werden. Das leitende Fragebogeninstrument wurde in einem mehrstufigen Prozess entwickelt (Seybold et al., 2014). Die Interviews machten deutlich, dass hörbeeinträchtigte Personen und ihre Lebenspartner eine bewusstere Gestik und Mimik sowie eine einfachere Sprache unterschiedlich hilfreich einschätzen. Ferner konnten in qualitativen und quantitativen Auswertungen hörbeeinträchtigte Personen nach Bedarfstypen klassifiziert (Müller-Dohm et al., 2016a) und die Auswirkungen von Schwerhörigkeit auf die Lebenspartner und das nahe Beziehungserleben präzisiert werden (Müller-Dohm et al. 2015a,b; Müller-Dohm et al., 2016b; Seybold, 2016; Kropp et al., 2018). Die Einsicht, dass Schwerhörigkeit stets auch auf der mikrosozialen Ebene wirksam wird, unterstützt die Einbeziehung von Lebenspartnern in den Prozess der Hörrehabilitation.

Innerhalb des Graduiertenstipendium-Programms des FSP von Frau Seybold wurde das Active Communication Education (ACE) in einem mehrstufigen Reviewprozess in eine deutsche Fassung übertragen und in einer vorläufigen Version für eine Interventionsstudie mit 49 Probanden eingesetzt. Die Kursteilnehmer, darunter 30 Personen mit Hörstörung, wurden vor dem ACE-Kurs als auch zwei Wochen sowie sechs Monate nach Abschluss des Kurses u.a. zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität, dem Kommunikationsumfeld und -verhalten befragt. Zusätzlich wurden Post-Measures zur subjektiv eingeschätzten Zielerreichung individueller Ziele (Seybold und Koppelin, 2017a‑c) und zum subjektiv empfundenen allgemeinen Outcome nach dem Training angewendet. Die erhobenen Ergebnisse bilden ein breites Spektrum an individuell wahrgenommenem Nutzen der Kursteilnahme ab, der sich in einer persönlich erlebten Steigerung der Kommunikationsfähigkeit und Selbstwirksamkeit im Umgang mit der Hörstörung zeigt, sowohl auf Seiten der Personen mit Hörstörung als auch auf Seiten ihrer Bezugspersonen (Seybold und Koppelin, 2018a,b).

Parallel zu den ACE-Kursen wurde durch zusätzliche Unterstützung eines Kooperationsprojekts mit dem Unternehmen Sonova das Kommunikationserleben aus der Perspektive hörbeeinträchtigter Personen und naher Angehörigen mittels des SAC- bzw. SOAC-Fragebogens (Self/Significant Other Assessment of Communication) erhoben. Höhere Punktwerte indizieren in diesem Instrument eine stärkere Kommunikationsbeeinträchtigung. Während der Wert für die hörbeeinträchtigten Personen im Laufe der Erhebungszeitpunkte stieg, nahm dieser für die Angehörigen ab. Sechs Monate nach der Kursdurchführung unterschieden sich beide Werte signifikant. Die Verschiebung über die Zeit ist vermutlich durch die Kursteilnahme und die resultierende geschultere Wahrnehmung der hörbeeinträchtigten Personen sowie dem subjektiv besseren Umgang mit der Hörsituation seitens der Angehörigen zu erklären (Kropp et al., 2017a,b).

Hörbasierte Lebensqualität

Der Nachweis, dass Hörhilfen von alltäglichen Nutzen sind und die Lebensqualität verbessern, ist zweifellos relevant und konnte in einem bestehenden, mit verschiedenen Fragebogeninventaren erhobenen Datensatz für die Versorgung post-lingual ertaubter Erwachsener mit einem Cochlea Implantat (CI) erbracht werden (Plotz et al., 2014). Mit Rückgriff auf diesen Datensatz wurde zudem ein Kurzfragebogen zur Erfassung der hörbasierten Lebensqualität bei CI-Versorgung erstellt und validiert (Müller-Dohm et al., 2014), der mit erheblich reduziertem Zeitaufwand in der klinischen Praxis einsetzbar ist. Eine vergleichende Untersuchung bestehender generischer und hörspezifischer Lebensqualitätsfragebögen zeigte einen weiteren Bedarf geeigneter Erhebungsinstrumente auch im Bereich der Hörgeräteversorgung (Grundmann et al., 2018; Meis et al., 2018). Vor diesem Hintergrund wurde der CI-Kurzfragebogen zusätzlich auf die Gruppe älterer schwerhörender Personen angepasst. Mit dieser alternativen Version wird in Kooperation mit der Firma Kind die hörbasierte Lebensqualität vor und nach der Hörgeräteanpassung erhoben. Erste Ergebnisse der laufenden Erhebung ließen erkennen, dass dieses neue Inventar eine hohe Änderungssensitivität besitzt und sich für die hörrehabilitative Praxis eignet. Die Erhebung wird über den Projektabschluss hinaus fortgeführt und soll in einer gemeinsamen Publikation münden.

SSQ – Selbsteingeschätzte Hörfähigkeit in Alltagssituationen

Das Fragebogeninventar Speech, Spatial and Qualities of Hearing Scale (SSQ) gehört zu den international gebräuchlichsten Instrumenten, um die individuellen Hörfähigkeiten in exemplarisch beschriebenen Alltagssituationen zu erfassen. SSQ-Daten von rund 1900 Erwachsenen wurden ausgewertet, um den Zusammenhang zwischen der diagnostischen Beurteilung des Hörvermögens und der Selbstbewertung alltäglich verlangter Hörfähigkeiten zu untersuchen (von Gablenz und Holube, 2013; von Gablenz und Holube, 2016c, 2017b). Damit konnte für dieses Inventar erstmals ein Zielbereich rehabilitativer Interventionen auf empirisch breiter und belastbarer Basis definiert werden. Zu den wichtigsten Ergebnissen dieser Arbeiten zählte, dass allein die Überzeugung, Hörschwierigkeiten zu haben, zu einer signifikant schlechteren Selbsteinschätzung führt und im Verbund mit weiteren soziodemographischen Faktoren berücksichtigt werden sollte (Otto-Sobotka et al., 2017; von Gablenz et al., 2017a, 2018a-c).

Veröffentlichungen

Grundmann M, Plotz K, Radeloff A, Schulze G, Meis M (2018) Erstellung einer Fragebogenbatterie als Tool zur Bewertung des Patientennutzens im Rahmen regulatorischer Anforderungen am Beispiel der bimodalen CI-Versorgung. 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Halle a. S. (Vortrag und Beitrag im Tagungsband).

Kropp M, Seybold S, Lemke U, Koppelin F (2017a) Erhebung der Kommunikationswahrnehmung aus der Perspektive der hörbeeinträchtigten Person und ihrer Angehörigen. 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Aalen (Poster).

Kropp M, Seybold S, Lemke U, Koppelin F (2017b) Erhebung der Kommunikationswahrnehmung aus der Perspektive der hörbeeinträchtigten Person und ihrer Angehörigen. Audiologisch – Zeitschrift des Berufsverbands für AudiologieAssistenten e.V. (BAA), 3, 7-10.

Kropp M, Seybold S, Koppelin F (2018) Belastungserleben und Copingstrategien in alltäglichen Hörsituationen aus zwei Perspektiven. 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Halle (Vortrag und Beitrag im Tagungsband).

Meis M, Krueger M, Gebhard M, Gablenz P v, Holube I, Latzel M, Paluch R (2018) Development and application of an annotation procedure to assess the impact of hearing aid amplification on interpersonal communication behavior. (eingereicht bei Trends in Hearing, im Review).

Müller-Dohm B, Koppelin F, Plotz K, Seybold S (2014) Generierung eines Kurzfragebogens zur Erhebung von hörbasierter Lebensqualität von CI-Patienten. 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Oldenburg (Poster).

Müller-Dohm B, Seybold S, Plotz K, Koppelin F (2015a) Zusammenhänge von Kommunikationsstrategien älterer Menschen mit Hörbeeinträchtigung und deren Beeinflussung auf die Lebenspartnerinnen und -partner (significant other). 18. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Bochum (Poster und Kurzfassung im Tagungsband).

Müller-Dohm B, Seybold S, Koppelin, K (2015b) Dyadische Copingstrategien älterer Menschen mit Hörbeeinträchtigung und der Lebenspartnerinnen und Partnern (significant other). Jahrestagung der 40. Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, Regensburg (Vortrag und Abstract: Das Gesundheitswesen 2015, 77-A382).

Müller-Dohm B, Seybold S, Koppelin F (2016a) Bedeutung der Lebenspartnerinnen und -partner (significant other) für die Kommunikation von älteren Personen mit Hörbeeinträchtigung. 19. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Hannover (Poster).

Müller-Dohm B, Seybold S, Koppelin F (2016b) „Dann sprich doch einfach lauter!“ Dyadische Bewältigungsstrategien älterer Hörbeeinträchtigter und ihrer Lebenspartner. Sprache Stimme Gehör, Ausgabe 3/2016, 136-140, Georg Thieme Verlag.

Otto-Sobotka F, von Gablenz P, Holube I (2017) Distributional regression of self-reported hearing abilities in the Hörstat study. 62. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (Vortrag und Abstract, doi: 10.3205/17gmds049).

Plotz K, Koppelin F, Müller-Dohm B, Seybold S (2014) Abhängigkeit der hörbasierten Lebensqualität nach CI-Versorgung von Dauer der präoperativen Hörbeeinträchtigung und der Dauer der sensorischen Deprivation postlingualer CI-Träger. 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Oldenburg (Poster).

Seybold S, Koppelin F, Müller-Dohm B, Plotz K (2014) Copingstrategien von Personen mit Hörstörung. 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Oldenburg (Vortrag und Beitrag im Tagungsband).

Seybold S (2016) Wie viele Unterbrechungen erträgt ein Gespräch? Sprache Stimme Gehör 40(3), 141-143.

Seybold S, Koppelin F (2017a) Communication and hearing goals of Significant Others within the Preliminary German Version of the Active Communication Education Program for Adults with Hearing Loss. International Conference on Cognitive Hearing Science for Communication, Linköping, Sweden (Poster).

Seybold S, Koppelin F (2017b) Was möchten Personen mit Hörstörung und ihre Bezugspersonen an ihrer Alltagskommunikation verbessern? 20. Jahrestagung der Gesellschaft für Audiologie, Aalen (Vortrag und Beitrag im Tagungsband).

Seybold S, Koppelin F (2017c) Individuelle Kommunikationsziele von Personen mit Hörstörung und ihren Bezugspersonen. Audiologisch – Zeitschrift des Berufsverbands für AudiologieAssistenten e.V. (BAA), 2, 20-24.

Seybold S, Koppelin F (2018a) Communication Strategy Use and Acceptance of Hearing Loss of older Adults within the Preliminary German Version of the Active Communication Education Program. 10th European Congress of Speech and Language Therapy, Cascais, Portugal (Poster).

Seybold S, Koppelin F (2018b) Development of the German ACE: An Active Communication Education Training Program. Hearing Across the Lifespan (HEAL), Cernobbio, Italy (Poster).

Von Gablenz P, Holube I (2013) Altersabhängigkeit des Sprachverstehens im Störgeräusch. 16. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Rostock (Vortrag und Beitrag im Tagungsband).

Von Gablenz P, Holube I (2016c) Hörverlust und Sprachverstehen im Alter. Sprache - Stimme – Gehör 40(3), 114-119.

Von Gablenz P, Holube I (2017b) Hörverlust und Sprachverstehen im Alter. Laryngo-Rhino-Otologie 96(11), 759-764 (Zweitveröffentlichung des Artikels in Zs. „Stimme – Sprache – Gehör“ veranlasst durch Thieme-Verlag).

Von Gablenz P, Sobotka F, Holube I (2017a) Adjusting expectations: Hearing abilities in a population-based sample using a SSQ short-form. 6th International Symposium on Auditory and Audiological Research (ISAAR), 23-25 August, 2017. Proceedings edited by S. Santurette, T. Dau, J. C.-Dalsgaard, L. Tranebjærg, T. Andersen, and T. Poulsen. Nyborg Dänemark, Vol. 6, ISBN: 978-87-990013-6-1, S. 271-278 (Poster; Beitrag im Tagungsband).

Von Gablenz P, Sobotka F, Holube I (2018a) Sprachverstehen nach Selbsteinschätzung und im Göttinger Satztest in der Allgemeinbevölkerung. 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Halle a. S. (Vortrag; Beitrag im Tagungsband).

Von Gablenz P, Holube I, Kowalk U, Bilert S, Meis M, Bitzer J (2018b) Data analysis from real-world hearing assessment. International Hearing Aid Conference (IHCON), Lake Tahoe, USA (Poster).

Von Gablenz P, Sobotka F, Holube I (2018c) Adjusting expectations: Hearing abilities in a population-based sample using a SSQ short-form. Trends in Hearing 22, 1-21.